Betroffene sind sich teilweise unsicher bezüglich einer eigenständig gestellten Diagnose und fürchten eine Stigmatisierung. Immer wieder wird die depressive Symptomatik darum bagatellisiert oder durch andere Erkrankungen verdeckt.
Depressive Erkrankungen zählen zu den häufigsten psychischen Krankheiten und können in jedem Lebensalter auftreten. Dabei werden geradezu alle Lebensbereiche, Beziehungen und auch der Körper, das Denken und Fühlen negativ beeinflusst. Traurigkeit und Niedergeschlagenheit gehören zum Leben. Eine Depression ist mehr als deprimiert zu sein: Ihre Symptome treten über mindestens zwei Wochen auf. Welche Anzeichen es gibt und woran Sie eine Depression erkennen, beschreiben wir ausführlich auf der Seite zur Depression.
Kostenlos und mit nur zehn Fragen können Sie einen Selbsttest auf eine Depression durchführen. Eine endgültige Diagnose kann jedoch nur durch Ärzte oder Psychotherapeuten gestellt werden.
Der erste Schritt bei einer Depression: Hilfe suchen
Menschen mit depressiver Symptomatik sollten neben körperlichen Symptomen auch psychische Beschwerden im Arztgespräch schildern. Das erleichtert eine korrekte Diagnose und ermöglicht es, eine geeignete Therapie zu erhalten. Ärzte und Psychotherapeuten unterliegen der Schweigepflicht. Als erste Anlaufstelle dienen der Hausarzt, psychotherapeutische Sprechstunden oder die Krankenkasse.
Je nach Ausprägung der Symptome, insbesondere bei Antriebslosigkeit und Hoffnungslosigkeit, kann für die Terminvereinbarung und das Wahrnehmen des Termins Unterstützung nötig sein. Fragen Sie in diesem Fall danach und scheuen Sie sich nicht davor, Hilfsangebote anzunehmen.
Ob eine Psychotherapie allein oder zusätzlich Medikamente eingesetzt werden und ob eine ambulante, teilstationäre oder vollstationäre Behandlung erforderlich ist, wird gemeinsam abgeklärt.
Warum eine Depression nicht zu enden scheint
Verschiedene Faktoren können dazu führen oder beitragen, dass eine Depression nicht zu enden scheint. Diese können sein:
- Fälschliche Attribution, dass die Depression aufgrund persönlichen Versagens entstanden sei
- Scham und Angst vor einer Stigmatisierung, sodass die Diagnosestellung und Behandlung der Depression abgelehnt wird
- Aufgrund der Schwere der Depression kann keine Hilfe selbst gesucht werden
- Der Hausarzt hat Schwierigkeiten, die Depression zu diagnostizieren, z. B. weil körperliche Symptome im Vordergrund stehen
- Die Sonderform oder Subform der Depression wird nicht erkannt
- Eine medikamentöse Behandlung mit Antidepressiva wird aus Angst oder fehlender Aufklärung abgelehnt: Sie kann jedoch insbesondere bei mittelgradigen und schweren Depressionen indiziert sein
- Die Einnahme der Antidepressiva erfolgt unregelmäßig oder wird selbstständig abgebrochen
- Kein frequentes Aufsuchen oder Teilnehmen an der Psychotherapie
- Die Behandlungsstrategie ist nicht richtig auf den Patienten und die jeweilige Depression abgestimmt
- Zu kurze Behandlung – Laut Statistiken findet die Behandlung einer Depression durchschnittlich drei bis vier Monate statt: Internationale Leitlinien empfehlen mind. sechs bis neun Monate zur Therapie einer Depression
- Abbruch der Therapie nach Abklingen erster, aber nicht aller depressiven Symptome.
Weitere, nicht aufgeführte Faktoren können (Mit-)Ursache sein, dass eine Depression nicht endet. Die hier aufgeführten Faktoren sind exemplarisch und richtungsweisend.
Wege aus der Depression: Diese Möglichkeiten gibt es
Die frühzeitige Behandlung, inklusive der Sensibilisierung der Patienten hinsichtlich depressiver Symptome, kann den Langzeitverlauf der Erkrankung maßgeblich beeinflussen. Um die Dauer durch eine wirksame sowie gut verträgliche Behandlung zu verkürzen, ist eine frühzeitige Erkennung und schnelle Behandlung der Depression hilfreich.
Die Therapie richtet sich stets nach Art, Verlauf sowie Schweregrad und Ausprägung der Erkrankung. Auch frühere Erfahrungen mit Behandlungsstrategien fließen in das therapeutische Vorgehen mit ein. Während bei leichten Depressionen bevorzugt psychotherapeutisch behandelt wird, kommen insbesondere bei mittelschweren und schweren Depressionen Antidepressiva zum Einsatz. Hierbei eignet sich die Kombinationstherapie, eine medikamentös begleitete Psychotherapie.
Psychotherapie bei Depression
Die geeignete Psychotherapie richtet sich nach der individuellen Erkrankungsphase und -schwere, den Möglichkeiten der betroffenen Person und ihrer Lebenssituation. Ob eine Psychotherapie sinnvoll ist, lässt sich in einer psychotherapeutischen Sprechstunde klären. Patient und Therapeut legen die Ziele gemeinsam fest.
Eine Psychotherapie hilft unter anderem, sich zu öffnen, Gedanken und Handlungen zu reflektieren und neue Gefühle und Sichtweisen entstehen zu lassen. Ob der Therapeut zu Ihnen passt, lässt sich in probatorischen Sitzungen feststellen.
Häufig gewählt werden zwei Verfahren:
- Verhaltenstherapie: Sie zielt darauf ab, „problematisches" Verhalten zu verlernen, indem neue, „produktive" Verhaltensmuster erlernt werden. Der Ansatz mit praktischen Übungselementen ist ziel-, lösungs- und gegenwartsorientiert.
- Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie: Sie hilft, indem Ursprünge und Auslöser von psychischen Beschwerden im Unbewussten aufgedeckt und bearbeitet werden. Von Vergangenem soll sich gelöst werden bzw. es soll angenommen werden, sodass es Gegenwart und Zukunft nicht mehr beeinträchtigt.
Antidepressiva und weitere Medikamente
Eine zusätzliche medikamentöse Behandlung wird in der Regel bei mittelgradigen und schweren Depressionen empfohlen. Zum Einsatz kommen meist Antidepressiva, die sich auf den Hirnstoffwechsel auswirken. Sie beeinflussen die Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin, die laut wissenschaftlichen Erkenntnissen im engen Zusammenhang mit einer Depression stehen. Ziel ist es auch, die körperlichen Begleitsymptome zu reduzieren. Vor dem Einnahmebeginn besteht häufig Unsicherheit, auch bezüglich der Nebenwirkungen. Entgegen vielen Befürchtungen sind Antidepressiva jedoch keine Beruhigungsmittel und machen nicht süchtig oder high.
Folgende Substanzklassen können bei Depression zum Einsatz kommen:
- Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI): Sie hemmen die Wiederaufnahme des Botenstoffs Serotonin in die Nervenendigungen, wodurch die Serotoninkonzentration erhöht wird.
- Selektive Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SSNRI): Sie wirken ähnlich wie SSRI und nehmen zusätzlich Einfluss auf die Konzentration von Noradrenalin.
- Tri- und tetrazyklische Antidepressiva (TZA): Sie nehmen nicht gezielt Einfluss auf Serotonin und Noradrenalin, sondern auf andere Botenstoffe, indem sie „Andockstellen" der Botenstoffe blockieren.
- Je nach Art der Depression, Symptomatik und Wunsch der Betroffenen können außerdem Monoaminooxidase-Hemmer (MAO-Hemmer), Antipsychotika, spezifische Rezeptorantagonisten, Lithium und Johanniskraut Bestandteil der Therapie sein.
Bei der Wahl des passenden Medikaments gilt:
- Nicht selten sind mehrere Anläufe notwendig, bis das individuell passende Medikament gefunden wird.
- Anfangs wird mit einer niedrigen Wirkstoffdosis gearbeitet, die erst bei fehlender Besserung erhöht wird.
- In den ersten Wochen können Nebenwirkungen und/oder eine Symptomverstärkung vor der gewünschten Besserung auftreten. Dieser Zeitraum sollte bestenfalls ohne abruptes Absetzen überwunden werden.
- Die regelmäßige Einnahme ist auch nach Besserung der Symptome wichtig, um möglichen Rückfällen vorzubeugen.
- Am Ende der Therapie sollten Antidepressiva schrittweise abgesetzt werden.
Von der Lichttherapie bis zur EKT: Weitere Verfahren gegen Depression
Neben Psychotherapie und Medikamenten gibt es weitere Möglichkeiten, die Symptome zu lindern, die Lebensqualität zu steigern und den Alltag zu bewältigen:
- Lichttherapie: Sie eignet sich besonders bei saisonal bedingten (Winter-)Depressionen und wird meist unterstützend zu Psychotherapie und Medikamenten eingesetzt. Täglich über mehrere Tage bis Wochen (meist 30 bis 45 Minuten) wird eine Lichtquelle mit bestimmter Lichtstärke genutzt. Das über die Netzhaut aufgenommene Licht führt zur Ausschüttung bestimmter Botenstoffe im Gehirn. Der Effekt stellt sich bei einer saisonalen Depression häufig bereits nach wenigen Tagen ein.
- Wachtherapie (therapeutischer Schlafentzug): Sie erzielt häufig einen stimmungsaufhellenden Effekt und wird oft kombiniert eingesetzt. Meist bleiben Erkrankte zwei bis drei Nächte oder Nachthälften pro Woche wach. Der Effekt tritt meist am Morgen ein. Bevorzugt wird sie stationär durchgeführt.
- Elektrokonvulsionstherapie (EKT): Hat die Behandlung mit Psychotherapie und/oder Medikamenten nicht den erwünschten Erfolg erzielt, kann eine EKT zum Einsatz kommen. Unter kurzer Vollnarkose wird das Gehirn zwanzig bis dreißig Sekunden elektrisch gereizt. Meist sind sechs bis zwölf Anwendungen über mehrere Wochen nötig, was häufig zu einer starken Besserung der Symptome führt.
- Repetitive Transkranielle Magnetstimulation (TMS): Bei therapieresistenten Depressionen kann auch die TMS eine Möglichkeit sein.
- Ketamintherapie: Esketamin-Nasenspray ist für die Behandlung der therapieresistenten Depression in Deutschland zugelassen. Der therapeutische Effekt von Ketamin tritt zügig, meist nach Stunden bis Tagen, ein. Esketamin wird über mehrere Wochen als Nasenspray verabreicht. In Einzelfällen kann Ketamin intravenös als Infusion verabreicht werden.
- Neurofeedback: Es kann zur unterstützenden Behandlung angewandt werden. In diesem schmerzlosen Verfahren wird mit Hilfe eines EEG die Gehirnaktivität über die Kopfhaut gemessen und auf einem Bildschirm dargestellt, zum Beispiel mit Farben und Tönen. Durch dieses Feedback lernen Erkrankte mit Übungen, die eigene Gehirnaktivität zu steuern, meist mit Einfluss auf Aufmerksamkeit, Konzentration und Bewusstsein. Das Verfahren gilt als vielversprechend, die Studienlage ist jedoch noch begrenzt und weitere Forschung nötig.
- Rehabilitationssport: Sportliche Übungen unter Anleitung geschulter Leiter verbessern die Bewegungsfähigkeit seelisch Erkrankter. Sie sind nach ärztlicher Verschreibung stationär und ambulant möglich.
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Einen Überblick über weitere Therapiemethoden der Oberberg Kliniken finden Sie hier.
Gruppentherapie, Selbsthilfegruppen und Angehörige
Der oft mit der Depression einhergehende Rückzug aus dem sozialen Umfeld kann durch Gruppentherapien und Selbsthilfegruppen aufgebrochen werden. Auch das Einbeziehen von Bezugspersonen in den Therapieprozess ist möglich. Angehörige können in eigenen Selbsthilfegruppen Austausch, Mut, Motivation und Unterstützung erhalten.
Die drei Phasen der Depressionsbehandlung
Damit jede Depression irgendwann endet, kann die Therapie in folgende Stadien ablaufen:
- Akutbehandlung: Von einer Akutbehandlung spricht man, wenn gezielt die Besserung der Symptomatik im Vordergrund steht. Dies bezieht sich häufig auf einen Behandlungszeitraum von Wochen.
- Erhaltungstherapie: Dieses Stadium soll zukünftige Rückfälle verhindern. Es wird auf eine Stabilisierung der symptomfreien Erkrankungsphase abgezielt. Dabei sollten sechs Monate ohne depressive Beschwerden vergangen sein, um von einer Remission sprechen zu können. Die Dauer dieses Stadiums kann bis zu neun Monate betragen.
- Rückfallvorbeugung: Als nächstes Stadium kann das Verhindern einer Wiedererkrankung nach Erreichen der Remission gesehen werden. Die Entwicklung einer neuen depressiven Episode wird vorgebeugt und die Normalisierung des Neuerkrankungsrisikos angestrebt. In diesem Fall spricht man von einer Recovery. Der etwaige Zeitraum liegt bei einem bis mehreren Jahren.
Nach erfolgreicher Behandlung gilt es, mögliche verbleibende Symptome zu identifizieren und diese konsequent weiter zu behandeln. Dazu können beispielsweise Schlafprobleme zählen. Danach sollte auf individuelle Frühwarnzeichen geachtet werden, etwa Konzentrationsstörungen, eine vermehrt gedrückte Stimmung am Morgen oder Veränderungen im Appetit. Werden wiederkehrende Symptome früh erkannt, kann ein Rückfall bzw. eine neue depressive Episode verhindert, abgemildert oder verkürzt werden.
Wichtig: Einige Beschwerden, die zunächst nicht vordergründig auftraten, wie beispielsweise die mentale Leistungsfähigkeit oder das Gedächtnis, können eine Weiterbehandlung der Depression erfordern. Sie treten häufig erst spät auf bzw. werden nicht zu Beginn wahrgenommen oder erkannt.
Selbsthilfe bei Depression: fünf Tipps
Neben der professionellen Behandlung können Sie im Alltag selbst einiges tun, um sich zu unterstützen. Die folgenden fünf Tipps sind Anregungen dafür.
- Professionelle Abklärung und Hilfe: Zögern Sie nicht, einen Arzt oder Psychotherapeuten aufzusuchen. Je früher, desto höher ist die Heilungschance.
- Austausch mit anderen: Oft hilft das Gespräch mit Verwandten und Freunden, telefonisch oder persönlich. Viele ziehen sich bei gedrückter Stimmung zurück, was häufig kontraproduktiv ist und Gefühle von Einsamkeit verstärken kann.
- Aktivität und Hobbies: Ein Spaziergang, eine Fahrradtour, eine Yoga-Einheit oder Schwimmen können helfen, aus dem Zustand gedrückter Stimmung auszubrechen. Es müssen keine Höchstleistungen sein: Gehen Sie Hobbies nach, die Ihnen gut tun und in der Vergangenheit Spaß gemacht haben.
- Ernährung und Genuss: Eine gesunde Ernährung und ausreichend Flüssigkeitszufuhr können einen positiven Einfluss auf Stimmung und Wohlbefinden haben. Beim Essen in Gesellschaft lassen sich Sozialkontakte mit dem Essen verbinden.
- Struktur und Pausen: Struktur hilft, wenn alles schwerfällt. Setzen Sie Prioritäten, planen Sie feste Pausen ein und belohnen Sie sich für Erledigtes, zum Beispiel mit einem Haken auf der Liste. Etablieren Sie außerdem geregelte Aufsteh- und Zubettgehzeiten, denn ausreichender Schlaf ist für das Wohlbefinden essenziell.
Quellen
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